Raus aus der Schublade!

Raus aus der Schublade!

Diverse Beraterteams sind erfolgreicher, das beweisen etliche Studien und auch die Kunden möchten immer mehr Frauen in ihren Projektteams. Die Consultingbranche ist im Wandel und legt enorme Chancen für die Frauen offen. Die selbstständige IT-Beraterin Madeleine Kühne nutzt diese Chancen bereits erfolgreich, räumt Klischees auf und berichtet über ihre Erfahrungen in der Consultingbranche.

Warum es für Frauen im Consulting höchste Zeit ist, eigene Wege zu gehen.

Als Frau in der Unternehmensberatung kann man sich zuweilen wie eine seltene Spezies vorkommen. Gerade die IT, mein Spezialgebiet, ist von jeher ein männerdominierter Bereich. Frauen sind dort generell Fehlanzeige. In Meetings bin ich meist die einzige am Besprechungstisch und eine weibliche CIO habe ich noch nie kennenlernen dürfen. Es wundert mich, dass sich in all den Jahren, die ich als Beraterin und Interim Managerin unterwegs bin, daran nichts geändert hat. Während meines Studiums der Wirtschaftswissenschaften vor mittlerweile fast 20 Jahren waren wir 51% Frauen und 49% Männer. Fast pari also am Start. In den Führungsetagen sind von den Frauen allerdings nur wenige angekommen. Die Statistiken hierzu sprechen ihre eigene Sprache – und das Phänomen betrifft nicht nur die Beratung. Im Jahr 2019 waren laut der Albright Stiftung 90 Prozent der deutschen Vorstandsmitglieder Männer. 

Wenn ich in die Beratung schaue, zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Mit weiblichen Berufseinsteigerinnen habe ich schon zahlreich zusammengearbeitet, eine Partnerin habe ich hingegen noch NIE persönlich getroffen. Ich kenne diese nur aus den Hochglanz-Prospekten und Success-Storys der Recruiting-Abteilungen von großen Beratungshäusern. Diese haben schon seit längerem erkannt, dass gemischte Teams wesentlich erfolgreicher sind als rein männliche Teams oder als die typischen Boy-Clubs. 

“Lächeln Sie doch mal!”

Trotz aller Fakten und Studien halten sich die Vorurteile gegenüber Frauen in Managementpositionen hartnäckig und die Damenwelt muss schwer dagegen ankämpfen, um an die Spitze zu gelangen. Auch ich kann davon ein Lied singen. Ich wurde schon mehr als einmal für die Assistentin und nicht für die Projektleiterin gehalten. Wenn ich ernst schaue (weil ich nachdenke), werde ich von den männlichen Kollegen regelmäßig dazu aufgefordert zu lächeln. Mein Ehrgeiz wurde mir mehr als einmal negativ ausgelegt und meine Durchsetzungsstärke hat zuweilen eine schockierende Wirkung. Wenn man als große blonde Frau nicht in die dafür vorgesehene Schublade passt, kann es für Irritationen sorgen. Das hat mich zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn geärgert und aufgebracht, mittlerweile weiß ich diese Stereotypen für mich zu nutzen.

Chancen nutzen – und sich durchbeißen

Ein Aspekt hat sich in den letzten Jahren nämlich grundlegend geändert: Kunden möchten mehr Frauen in ihren Projekten. In einer Befragung von Consulting-Kunden, die 2016 von Source Global Research durchgeführt wurde, äußerten 90 Prozent den Wunsch nach mehr Frauen in den Beratungsteams. Darin liegt eine enorme Chance, die es zu nutzen gilt. Wenn ich mich gleichzeitig mit einem (oder mehreren Männern) um ein Projekt bewerbe, dann bekomme ich meist den Zuschlag. Im Gegensatz zu den männlichen Kollegen muss ich mir zwar jedes Mal die Frage gefallen lassen, wie ich Job und Kind unter einen Hut bekomme. Aber daran habe ich mich auch schon gewöhnt und beantworte die Frage routiniert: alles eine Frage der Organisation.

Es reicht natürlich nicht aus, eine Frau zu sein, um den Auftrag zu erhalten. Ein fundiertes Fachwissen, gepaart mit exzellenten Kommunikationsfähigkeiten ist unabdingbar. Man muss nicht nur wissen worüber man spricht, sondern es auch in die passenden Worte verpacken können. Souveränes Auftreten und Sattelfestigkeit in Verhandlungen gehören genauso dazu, wie die Soft Skills, die es benötigt, um ein Team zu führen.

Familie oder Job – warum nicht Beides?

Selbstverständlich muss ich meinen Alltag mit Kind und Job unter einen Hut bekommen. Ich habe es schon oft erlebt, dass Frauen die Beratung wegen der Familienplanung verlassen. Die intensive Reisetätigkeit und die Gründung einer Familie passen in der Vorstellung vieler Paare nicht zusammen. Auch ich habe nach der Geburt meines Kindes den Beraterjob kurzzeitig gegen einen “normalen” Job getauscht. Doch es hat mir gefehlt, das Beraterleben. Ich liebe die Abwechslung sowie die verschiedenen Herausforderungen, die jedes neue Projekt und jeder neue Kunde mit sich bringen. Kein Mandat gleicht dem anderen. Deshalb bin ich wieder in die Beratung zurückgekehrt. Jedoch zu meinen eigenen Bedingungen. 

Zuerst einmal habe ich mich nicht in den Dienst eines Beratungshauses gestellt, sondern habe mich selbständig gemacht. Um die Familie mit dem Job unter einen Hut zu bekommen, habe ich eine 4-Tage-Woche eingeführt und wähle nur noch Projekte, die im Umkreis von einer Stunde Reisezeit zu meinem Wohnort liegen. Somit kann ich nach getanem Job nach Hause kommen und Zeit mit meiner Familie verbringen. Die Reisetätigkeit liebe ich nach wie vor und wenn sich diese im Rahmen hält, nehme ich auch solche Projekte gerne an. Dafür benötige ich natürlich etwas Vorlaufzeit, um dies mit meinem Mann zusammen zu organisieren. Ohne ihn würde es nämlich nicht funktionieren. Während es andersherum selbstverständlich ist, können sich viele Menschen anscheinend immer noch nicht vorstellen, dass es auch erfolgreiche Frauen gibt, hinter denen Männer stehen, die sie unterstützen. Die gute Nachricht: Unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel – wenn auch einem sehr langsamen. Inzwischen gibt es schönerweise immer mehr Männer, die eine Power-Frau an ihrer Seite zu schätzen wissen.

Meines Erachtens stellt die Beraterbranche im Gegensatz zu anderen Branchen keineswegs ein Hindernis für Frauen, die Karriere machen wollen, dar. Im Gegenteil: Wer Persönlichkeit hat, eine tolle Performance und Ehrgeiz mitbringt und sich durchsetzen kann, steht auch in der Beraterbranche keinem Mann hintenan, sondern ist aktuell sogar eine Nasenlänge voraus.

Madeleine Kühne

Keynote-Speakerin

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